Deutsche Ingenieurskunst einmal anders
Deutschland war einmal berühmt für technische Erfindungen, die Automobile besser und sicherer machten.
ABS, ESP, stabile Fahrwerke, bessere Bremsen und jahrzehntelange Entwicklungsarbeit sorgten dafür, dass Fahrzeuge immer sicherer wurden.
Und dann kam der Ellenator.
Nicht das Dreirad ist neu. Dreiräder gibt es seit mehr als hundert Jahren.
Neu ist etwas anderes:
Ein fertig entwickelter vierrädriger Serien-Pkw wird mit erheblichem Aufwand wieder zum „Dreirad“ umgebaut.
Das muss man erst einmal schaffen.

Ausgangspunkt: ein ganz normaler Fiat 500
Man nehme einen Fiat 500.
Er besitzt serienmäßig vier Räder:
zwei vorne + zwei hinten = vier Räder.
Die Hinterräder stehen dort, wo Fahrzeugentwickler sie aus guten Gründen vorgesehen haben: weit auseinander. Das sorgt für eine vernünftige Spurweite und eine stabile Abstützung bei Kurvenfahrt und Ausweichmanövern.
Nun beginnt die eigentliche Innovation.
Beim Ellenator werden die Hinterräder sehr eng in der Fahrzeugmitte angeordnet. Die ursprünglichen Radkästen werden verschlossen.
Warum?
Weil das EU-Recht zwei Räder unter bestimmten Voraussetzungen als ein einziges Rad betrachtet.
Die entscheidende Zahl lautet:
460 Millimeter
Liegt der Abstand zwischen den Mittelpunkten der Reifenaufstandsflächen höchstens bei 460 Millimetern, gelten die beiden Räder rechtlich als Doppelrad und damit bei der Fahrzeugklassifizierung als ein Rad. (eur-lex.europa.eu)
Also:
2 Vorderräder + 2 Hinterräder = technisch 4 Räder
aber juristisch:
2 Vorderräder + 1 Doppelrad = 3 Räder
Wo der Ingenieur vier Räder sieht, sieht der Gesetzgeber drei.
Warum macht man das?
Weil die Führerscheinklasse A1 nicht nur bestimmte Motorräder umfasst.
Sie erlaubt auch das Fahren dreirädriger Kraftfahrzeuge bis 15 kW.
Und A1 gibt es bereits:
ab 16 Jahren.
Damit entsteht folgende Kette:
Fiat 500
↓
Hinterradanordnung umbauen
↓
Doppelrad erzeugen
↓
juristisch Dreirad
↓
Leistung auf maximal 15 kW begrenzen
↓
Fahrzeugklasse L5e
↓
A1-Führerschein
↓
Autofahren ab 16
Technisch aufwendig.
Juristisch elegant.
Fahrdynamisch weniger elegant.
Der ADAC schaut genauer hin
Der ADAC testete den Ellenator bereits 2018.
Beim Ausweichtest zeigte das Fahrzeug eine Kippneigung.
Der ADAC stellte fest, dass der Umbau aufgrund einer bestehenden Gesetzeslücke möglich sei und dass sich dadurch die Fahreigenschaften „massiv verschlechtern“.
Seine Schlussfolgerung:
Die Gesetzeslücke sollte geschlossen werden.
Eigentlich wäre die Angelegenheit damit klar:
Problem erkannt.
Sicherheitsnachteil erkannt.
Gesetzeslücke erkannt.
Lösung vorgeschlagen.
Deutschland, übernehmen Sie.
Zwei mögliche Lösungswege
Variante A
Man überprüft das Regelwerk.
Man erkennt, dass die Kombination mehrerer Vorschriften zu einem technisch unsinnigen Ergebnis führt.
Man korrigiert die Vorschrift.
Fertig.
Variante B
Man lässt das Regelwerk unverändert.
Dann können weiterhin serienmäßig entwickelte Vierradfahrzeuge technisch umgebaut werden, damit sie exakt durch die gesetzliche Lücke passen.
Das Fahrzeug wird dadurch nicht besser.
Aber immerhin:
Es ist danach gesetzeskonform schlechter.
Auch das ist eine Leistung.
Deutsche Ingenieurskunst einmal anders
Früher lautete die Aufgabe:
„Wie können wir ein Auto sicherer machen?“
Heute könnte sie lauten:
„Wie müssen wir ein vierrädriges Auto umbauen, damit es rechtlich als Dreirad gilt?“
Auch dafür braucht man zweifellos technisches Können.
Nur die Aufgabenstellung ist bemerkenswert.
Denn hier wird nicht das Gesetz an die technische Realität angepasst.
Stattdessen wird:
die technische Realität verändert, damit sie durch das Gesetz passt.
Das ist der eigentliche Kern des Problems.
Wer ist der Dilettant?
Den Erfinder des Ellenators würde ich dabei nicht zum Hauptverantwortlichen erklären.
Er hat bestehende Regeln analysiert, eine Möglichkeit erkannt und daraus ein Produkt entwickelt.
Das ist unternehmerisch nachvollziehbar.
Das eigentliche Problem liegt beim Regelwerk.
Die EU definiert unter bestimmten Voraussetzungen zwei reale Räder als ein Rad.
Das deutsche Fahrerlaubnisrecht erlaubt 16-Jährigen mit A1 dreirädrige Fahrzeuge bis 15 kW.
Ein findiger Konstrukteur kombiniert beides.
Der ADAC stellt anschließend fest:
Kippneigung, massiv verschlechterte Fahreigenschaften, Gesetzeslücke.
Und fordert deren Schließung.
Nur:
Die Lücke besteht weiterhin.
Qualitätsmanagement einmal praktisch betrachtet
Stellen wir uns vor, dieser Vorgang würde einem Qualitätsmanager vorgelegt:
INPUT
Ein serienreifer Fiat 500 mit vier Rädern und bewährter Fahrwerkskonstruktion.
PROZESS
Hinterradanordnung umbauen, Räder zusammenrücken, Leistung reduzieren, Fahrzeug neu klassifizieren.
OUTPUT
Ein Fahrzeug, das fahrdynamisch ungünstiger ist, dafür aber mit A1 ab 16 Jahren gefahren werden kann.
Nun die klassische Qualitätsfrage:
Hat der Prozess das Produkt verbessert?
☐ Ja
☐ Nein
☒ Dafür passt es jetzt zum Gesetz.
Die eigentliche Pointe
Mehr als ein Jahrhundert Automobilentwicklung diente unter anderem dazu,
- Fahrzeuge stabiler zu machen,
- Überschläge zu verhindern,
- Fahrwerke zu optimieren,
- und die aktive Sicherheit zu erhöhen.
Und hier wird ein bereits entwickeltes Fahrzeug wieder so verändert, dass seine hintere Abstützung deutlich schmaler wird.
Nicht weil das technisch besser wäre.
Nicht weil es wirtschaftlicher wäre.
Nicht weil es Energie spart.
Sondern:
damit vier Räder juristisch als drei gelten.
Man kann diesen Satz mehrfach lesen.
Er wird dadurch nicht vernünftiger.
DILLETANTISMUS BRD – Qualitätsurteil
Die eigentliche Absurdität besteht nicht darin, dass jemand eine Gesetzeslücke entdeckt.
Das passiert in jedem komplexen Regelwerk.
Die Absurdität besteht darin, dass eine sicherheitstechnisch fragwürdige Lösung über Jahre bestehen bleibt, obwohl der ADAC das Problem bereits öffentlich benannt und die Schließung der Lücke gefordert hat. (presse.adac.de)
Das Ergebnis:
Problem:
Gesetzliche Definition ermöglicht eine technisch fragwürdige Konstruktion.
Technische Lösung:
Umbau eines serienmäßig stabileren Vierradfahrzeugs.
Gesetzgeberische Lösung:
Bislang keine grundlegende Beseitigung des Konstrukts.
Marktwirtschaftliche Lösung:
Man nutzt die Lücke.
ADAC:
Lücke schließen.
Ergebnis:
Weiterfahren.
Schlusswort
Deutschland besitzt noch immer hervorragende Ingenieure.
Der Ellenator beweist das auf eine unfreiwillig komische Weise.
Denn es gehört einiges an technischem Können dazu, einen normalen Fiat 500 so umzubauen, dass vier reale Räder juristisch nur noch drei sind.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
„Wie kann man so etwas konstruieren?“
Sondern:
„Warum wird das Auto passend zum Gesetz gemacht, statt das Gesetz passend zur technischen Vernunft?“**
Vielleicht lautet die Antwort:
Willkommen beim DILLETANTISMUS BRD.
Wo das Gesetz nicht zur Technik passt, wird eben die Technik passend gemacht.